Weggespritzt

Fische ziehen gleichmütig durch die Kanäle der Lagunenstadt, junge Flamingos begehen, flügge geworden, ihre ersten Flugübungen. Der Himmel ist blau, die Städte ruhig und frei vom Smog – Oh! Augenblick verweile doch, du bist so schön – schon ist die Seele des Teufels.

Das Virus, das es wagt, daran zu erinnern, wie verletzlich Menschen sind, dieses Virus wird weggespritzt wie eine lästige Falte im gelifteten Gesicht.

Es ist genauso lästig wie diese Quertreiber, die ständig in den Ohren liegen, die Zahlen hin-und herwenden, die Vergleiche ziehen, ständig die Gefahr ins Verhältnis setzen, an Rechtsstaatlichkeit erinnern und darauf verweisen, dass nicht alle ohne lästige Präsenzpflicht und Pendlerstress breitärschig von zu Hause aus arbeiten können.

Kann man sich nicht einmal ein bisschen zusammennehmen, damit der Regierung die Sache nicht vollends aus den Händen gleitet? Ja sagen viele und gehen freiwillig über das gesetzlich Geforderte hinaus.

Manch andere sehen das mit Unbehagen. Vielleicht geht es ja um mehr als um ein bisschen? Schwadroniert man nicht allenthalben schon von den nächsten Pandemien? Wer wollte es ihnen verwehren, sich vor einer Zukunft im Eisschrank der Achtsamkeit zu grausen, wo Abstand der neue Anstand ist und wo selbst ein Baum nicht ungefragt seinen Schatten wirft?

Gleichviel, es wird verschärft. Die Zahlen müssen runter! Und weil dessen ungeachtet gerade die Alten in den Heimen sterben wie die Fliegen, wird nicht, wie besonnene Experten mahnen, die Strategie überdacht, sondern es wird noch mehr verschärft. Bald gibt es Ausgangssperren und wenn das immer noch nichts nützt – der Hobel hat sich ins Holz gefressen.

Das Leben lässt sich nicht auf Dauer einsperren. Der Spalt wird breiter. Die Fronten verhärten sich. „Sieh dich nicht um. Schnür deinen Schuh. Es kommen härtere Tage.“ Sagte Ingeborg Bachmann.

Gleich wie es kommt. Jeder fällt irgendwann vom Baum, treibt noch etwas durch die Luft und wandelt sich am Boden, geht seiner mineralischen Bestimmung entgegen. Glücklich, wer dabei begleitet wird von den Liedern Trauernder und seine zugedachte Spanne mit Lebendigkeit erfüllen konnte.

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Herzlichst, Ihr Joachim Poet Harms